Prof. Dr. Kathinka Schreiber

Augenblicke

Wenn ich etwas sehe, ist das, weil ich alles sehe, was ich sehen kann. Weil ich alles sehe. Dieter Roth, Das Sehen ist ein Darstellen

Ulrike Riedes Photographien der Entstehungsphase des neuen Münchner Parks auf dem ehemaligen Flughafengelände Riem halten Augenblicke fest. Momente fern des Zeitpunkts, an dem das Publikum der Landschaftsarchitektur begegnet. Ein Augenschein der Vorwegnahme zeichnet sich ab.

Auf der Schotterebene des bayerischen Voralpenlandes wird ein Kunstgarten realisiert. Geplant gemäß dem Zeitgeschmack der Jahrtausendwende wird das Vorgestellte sichtbar und erlebbar, ist es bereits Geschichte. Auf den photographierten Andeutungen ist ein stark ordnender Zugriff bemerkbar.

Das Auge der Photographin inszeniert künftige Phänomene mit: Bleibende Ordnungen und Veränderungen, Einmaligkeit und immer Wiederkehrendes – der Wechsel der Jahreszeiten ist implizit.

So ist diese Anlage nie wieder zu betrachten – Utopie vergangen und noch nicht. Wir wissen darum und sehen es mit. In den Aufnahmen ist die Ästhetik des Verschwindens präsent.

Die dünnen, schier zerbrechlich wirkenden Baumstämmchen, der gläsern zartblaue Frühlingshimmel, der karge Boden, die Wolkenformationen existierten einen Augenblick und er bleibt auf den Photographien. Wir erkennen das Prozessuale im Hintergrund der schönen Struktur, den möglichen Wechsel zum Neuen, Anderen, Reicheren, Schöneren. Das Unabgeschlossene wird mitgezeigt. Das Wahrgenommene als Zeiteindruck ist zugleich Vorschein des Möglichen.

Sehen, photographieren und als Betrachter reagieren. Auffallend die Leere auf den Aufnahmen. Keine Menschen, keine Tiere, meist schattenlos. Die Bewegung der Luft meint man zu spüren. Dieses Charakteristikum gibt dem Betrachter den Sehraum. Er funktioniert wie eine Bühne, ehe die Schauspieler auftreten. Das Bildformat ist der Bühnenausschnitt. Photograph und Betrachter erspähen was kommt.

Intensiviert werden die Ausblicke mittels Variationen der Blickwinkel. Nahsicht und Fernsicht, Verlegung des Horizonts – manchmal in der Bildmitte, manchmal so tief, dass der Bildraum der Himmel ist. Die Imagination kann agieren; angeregt von Farbflächen, geordneten und chaotischen Mustern, geraden und kurvigen Linien, sich wiederholenden Strukturen. Baumreihen und –gruppen, verzweigtes Geäst, Wege, Böschungen, Brache, Wolken und Kräne, Container, Spundwände. Der festgehaltene Augenblick. Das Jetzt ist schon vorbei. Der Schnee schmilzt, Bäume werden grün, verlieren Blätter, Regen kommt, Maschinen werden abtransportiert, Spaziergänger finden sich ein, Spuren bleiben. All das ist Thema dieser Photographien. Fragmente des Vergangenen, Fragmente des Zukünftigen. Eigenartig wenn zugleich Künftiges und Vergangenes erscheint. Abhängig von der Wahl des Augenblicks und der Wahl des Motivs. Der richtige Moment, nicht zuviel Ordnung (Struktur) und nicht zuviel Chaos (Komplexität, Störung) – die Balance und der Über- sprung zwischen beiden machen die Ästhetik der Bilder aus. Die Photos entstanden zwischen 2003 und 2004. Der Park wurde 2005 eröffnet.

Der Blick winkel Ulrike Riedes - sie studierte an der Kunstakademie München - ist also ein ordnender. Das Erfassen der miteinander korrespondieren- den Bildelemente als Ganzes ist ihr spezifischer Ansatz, exemplarisch für ihre Sicht auf die Welt. Seien es die Kranausleger, Baumgruppen, Spundwände, Bodenoberflächen, sie stehen in Beziehung zueinander. Die Impression von Choreographien. Die Gegenstände selber sind unspektakulär, gleichgültig ob Naturobjekte oder Alltagsgegenstände. Menschenleere Schauplätze.

Sie gliedert das Wahrnehmbare, die ästhetische Gestalt wird fokussiert. Die Eindrücke werden gebündelt. So werden die Photos zum Impuls, sich als Betrachter Zeit zu nehmen, das Sinn- und Augenfällige zu schauen, die Schönheit der Gestalt zu entdecken. Interessant, dass gleichzeitig an offene Augen appelliert wird, Veränderungen zu antizipieren. Die relative Wahrnehmung des Zeitphänomens seitens der Photographin, des bestimmten Augenblicks bedeutet, wie Paul Virilio in seiner Ästhetik des Verschwindens ausführt: „Indem man die Formen verfolgt, verfolgt man eigentlich nur Zeit, die Suche nach der Form wäre nur eine technische Suche nach der Zeit.“

Es bleibt die Aufforderung seht her, seht selber, das Schöne ist da. Interesseloses Wohlgefallen (Kants ästhetisches Kriterium) erreicht uns über diese Fotografien. Wir freuen uns über den Anblick, die Gelegenheit den Brückenschlag zwischen Ordnung und Unordnung in Augenschein zu nehmen so wie es der Künstler Dieter Roth in seinen kleinen wolken haben will: „festhalten was man sieht/ und loslassen. festhalten / wie man sieht, was man sieht/ und loslassen. festhalten/ wie man sieht wie man sieht was man sieht/ und loslassen. festhalten/ wie man sieht wie man sieht/ was man sieht…“